Es gibt heutzutage kaum eine Diagnose, mit der sich so viele Menschen angesprochen fühlen wie ADHS. Wo es früher oft die Assoziation vom typischen „Zappelphilipp“ gab, der nicht stillhalten konnte, ist der Blick auf ADHS heute deutlich differenzierter. Auch immer mehr Erwachsene beschäftigen sich mit der Frage, ob bei ihnen eine ADHS vorliegt oder sie in das Spektrum der Neurodivergenz fallen.
ADHS wird häufig schon im Kindesalter diagnostiziert, und viele Kinder erhalten daraufhin therapeutische Unterstützung oder Medikamente wie Ritalin. Was lange Zeit aber eher unbeachtet blieb, ist die Symptomatik im Erwachsenenalter, die komplett anders aussehen kann als bei Kindern. Häufig berichten Erwachsene von einer inneren Unruhe und weniger von motorischer Hyperaktivität. Es gibt oft Symptome wie eine chronische innere Leere, ein permanentes Getriebensein oder die Unfähigkeit, Dinge zu Ende bringen zu können.
Es kann für viele Menschen unendlich erleichternd sein, nach Jahren des Suchens endlich eine Erklärung für ihr Verhalten zu haben. Aber genau hier liegt auch eine Falle.
Wie entsteht ADHS? Ein Blick hinter die Modediagnose
Die Frage nach der Entstehung von ADHS ist eine der kontroversesten Diskussionen in der modernen Therapielandschaft. Die Neurobiologie ist sich einig, dass es genetische Faktoren sowie neurobiologische Besonderheiten gibt, die angeboren sind. Hierbei liegt meist eine Reizfilter-Schwäche vor, die durch einen veränderten Dopaminstoffwechsel im Gehirn bedingt ist.
Gleichzeitig wird in der Wissenschaft immer deutlicher postuliert, dass ADHS nicht einfach ein starres, angeborenes Schicksal ist, das zwingend lebenslang mit Medikamenten behandelt werden muss. Vielmehr gehen wir heute von einer genetischen Prädisposition (Veranlagung) aus. Ob und wie stark sich daraus eine ADHS-Symptomatik entwickelt, wird ganz maßgeblich durch Umweltfaktoren wie das Familiensystem, frühe Bindungserfahrungen und prägende Lebensereignisse geformt. Biologie und Biografie sind fließend miteinander verwoben.
Die Verwechslungsgefahr: Wo liegt der Unterschied zu Traumafolgestörungen?
Eine der wichtigsten Differenzierungen in der therapeutischen Praxis ist die Abgrenzung zu Traumafolgestörungen (wie der komplexen PTBS). Da die Grenzen oft fließend sind, gibt es häufig kein klares „Entweder-Oder“. Traumafolgestörungen zeigen in der Praxis eine verblüffend ähnliche Symptomatik wie ADHS, auch wenn sich die Ursachen im Nervensystem unterscheiden:
- Das traumatisierte Nervensystem befindet sich in einer chronischen Überreizung (Hypervigilanz). Es scannt die Umwelt – oft unbewusst getriggert durch emotionale Echos der Vergangenheit wie Angst vor Ablehnung oder Liebesentzug – permanent nach potenzieller Gefahr. Diese Überreizung simuliert im Alltag exakt die Ruhelosigkeit, Konzentrationsstörung und Impulsivität, die wir von ADHS kennen.
- Die reine Neurodivergenz hingegen ist primär situationsunabhängig. Die Reizfilter-Schwäche und der Dopaminmangel sind chronisch präsent – das Gehirn kann unwichtige Reize biologisch schlichtweg nicht aussortieren, selbst wenn das Umfeld absolut sicher, stabil und friedlich ist.
Dennoch sind die Übergänge in der Realität fließend. Viele Menschen mit ADHS haben in ihrer Kindheit tief belastende Erfahrungen gemacht. Wer mit einem sensibleren Nervensystem aufwächst und die Umwelt anders wahrnimmt, eckt häufig an. Um dazuzugehören, entwickeln betroffene Kinder ein extremes „Masking“ – ein ununterbrochenes, anstrengendes Anpassen an neurotypische Erwartungen. Dieses jahrelange Verbiegen aus Angst vor Stigmatisierung hinterlässt im Erwachsenenalter oft tiefe traumatische Spuren und massive Schamgefühle.
Wie sieht die psychotherapeutische Arbeit bei ADHS und Trauma aus?
In der ganzheitlichen therapeutischen Begleitung geht es erst einmal gar nicht darum, schubladenartig festlegen zu müssen, ob ein Symptom nun zu 100 Prozent zu ADHS, Neurodivergenz oder einem Entwicklungstrauma gehört. Es geht um einen konkreten Menschen, der unter Leidensdruck steht und sich Entlastung wünscht. Wir behandeln keine klinischen Label, sondern das Nervensystem im Hier und Jetzt.
Anstatt Symptome lediglich mit starren Verhaltenstipps zu deckeln oder das Gehirn „umbauen“ zu wollen, betrachten wir die fließenden Grenzen von Körper und Lebensgeschichte als Ganzes:
- In der Gestalttherapie schaffen wir einen sicheren, wertfreien Beziehungsraum. Hier darf das chronisch getriebene System überhaupt erst einmal wieder lernen, im gegenwärtigen Moment anzukommen, zur Ruhe zu finden und die eigenen, realen Grenzen zu spüren. Es geht um das Annehmen dessen, was ist – ohne den permanenten Druck, sich maskieren oder anpassen zu müssen.
- Mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) arbeiten wir direkt an den emotionalen Blockaden. Wir spüren die prägenden Erfahrungen der Vergangenheit und die tief gelernten Kernüberzeugungen („Ich bin falsch, so wie ich bin“, „Ich bin eine Belastung“) auf und lösen den festsitzenden Stress dort auf, wo er im Nervensystem blockiert ist.
Wie wir mit ADHS und Traumafolgen arbeiten, bedeutet also vor allem: Das eigene System verstehen zu lernen, alte Schamgefühle abzustreifen und einen selbstbestimmten, liebevollen Umgang mit der eigenen Intensität zu finden. Was zählt, ist die spürbare Entlastung im Alltag und die Erfahrung, dass Sie Ihr Leben wieder sicher und frei gestalten können.